Zum zehnten Geburtstag von SPIEGEL ONLINE hat DER SPIEGEL noch mal ältere Datenbestände aus dem Archiv ins Internet gestellt. Damit zeigt SPIEGEL ONLINE wieder Informationen aus der Zeit als Publizieren im Web noch ein großes Experiment war. DER SPIEGEL war das bundesweit erste Nachrichtenmagazin mit eigenem Webauftritt. Die Homepage war damals lediglich in SPIEGEL-Rot gehalten und verlinkte auf im Wochentakt wechselnde Inhalte.


Der ersten Internetauftritt des Nachrichtenmagazins wurde von der damaligen Internetgemeinde sehr begrüßt. Die Hamburger verschenkten im Web teilweise Inhalte und es gab erstmals die Möglichkeit, mit einem 'Mailto'-Link die Redakteure direkt anzusprechen.

Ein Jahr nach dem Start des Internetangebots wurden erste Schritte zur Professionalisierung von SPIEGEL ONLINE unternommen. Neben einem zeitgemäßen Design mit Navigationselementen und einem schwarzen Balken für Werbung wurde auch die einprägsamere Adresse www.spiegel.de eingeführt. Vorher gab es für Nord- und Süddeutsche unterschiedliche Adressen, z. B. erreichten Norddeutsche die Internetseite nur über die Internetadresse 'http://hamburg.bda.de:800/bda/nat/spiegel/'. Zudem nutzte die SPIEGEL ONLINE-Redaktion auch Farbe und teilweise Grafiken, was die damalige Internetgemeinde, deren Mitglieder meistens aus technischen Berufen kamen und zu 90 Prozent aus Männern bestand, in Zeiten von 14.4k-Modems als Verstoß gegen das Gebot, den Download möglichst klein zu halten, wertete.

Die Fachpresse lobte diesen Professionalisierungsschritt, während die Leser beklagten, dass der Textfluss durch den Einsatz von Bildern gestört werde. Gleichzeitig setzte aber auch ein Wandel in der Zusammensetzung der Leserschaft ein. Die früher mehrheitlich Technik-affinen Leser wurden von den Freizeit-Internet-Nutzern überholt. Sie wurden zunehmende durch Werbung und attraktive Angebote angelockt.

Ende 1995 schien sich der Internetboom also erstmals anzukündigen. Trotzdem hatten die ersten Betreiber von Webseiten noch zwei Jahre Zeit zu experimentieren und neue Ausdrucks- und Stilformen zu suchen. So gab es bei SPIEGEL ONLINE ein populäres Medien-Linkverzeichnis. Denn Yahoo und Altavista starteten ihr Internetangebot für deutsche Seiten erst im Laufe der Jahre 1996/1997. Aber auch falsche Schritte wurden von der Redaktion gemacht, so wurde das Internet zunächst als Servicemedium gesehen. Den Leser interessierte es z. B. wenig, aus dem Politik- und Kulturterminkalender zu erfahren, dass es im Innenministerium um 11 Uhr eine Pressekonferenz geben würde.

Im Jahr 96/97 entwickelte sich das Internet dann mit dem Slogan 'Content ist King!' von einer freien Publikationsplattform zum Vertriebsmedium und zur Vermarktungsplattform. Neben der 'Zweitverwertung' von Inhalten des gedruckten SPIEGEL gab es dann zunehmend exklusive, thematisch und stilistisch vom gedruckten SPIEGEL unabhängige Online-Inhalte. Veröffentlicht wurden diese Inhalte in der 'Online World', der heutigen 'Netzwelt'.

Nach zwei Jahren meldete der SPIEGEL für Februar 1996 213.000 Visits von Lesern. Die Zahl der Seitenaufrufe lag bei 807.000. Im Juli 2004 zählte SPIEGEL ONLINE 39 Millionen Visits und 200 Millionen Seitenaufrufe.

Auch der Spiegel-Verlag hat Teile seiner Online-Auftritte von spiegel.de und manager-magazin.de gesperrt und nur den zahlenden Kunden zugänglich gemacht. Möchte man z.B. einen älteren Artikel aus dem Archiv lesen, so kostet dies 40 Cent, die über Firstgate zu zahlen sind. Die Resonanz ist bislang eher gering. Es ist u.a. nämlich vorher keine Einschätzung möglich, ob sich der begehrte Artikel wirklich lohnt. Da aber alle Verlage kostenpflichtige Dienste wie Artikel o.ä. anbieten werden, wird sich dies über kurz oder lang als Normalität etablieren.

(Quelle: Patalong, Frank: Surfen wie 1996, unter: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur /0,1518,313978,00.html, Zugriff am 25. August 2004 und 'E-Business aktuell, Edition 2004, Spiegel-Verlag, S.321-322)